Laut Medienberichten wurde der Kryptobörse Binance 6,3 Milliarden Dollar geraubt. Das FBI und mehrere Experten beschuldigen Nordkorea, welches die Vorwürfe abstreitet.
Der Angriff auf Binance ist kein Bankraub im klassischen Sinne. Kryptowährungen und ihre Handelsplätze entstanden außerhalb des traditionellen Finanzsystems und unterliegen je nach Rechtsraum unterschiedlichen Regulierungs- und Sicherheitsanforderungen. Zwar legen in der EU inzwischen mit MiCA (Markets in Crypto-Assets ) und DORA umfassende Vorgaben für zugelassene Kryptodienstleister fest. Diese gelten jedoch nicht automatisch für alle international tätigen Börsen. Welche Cybersicherheitsstandards tatsächlich greifen, hängt daher wesentlich vom Zulassungsstatus und dem jeweiligen Rechtsraum ab.
Dass Finanzmarktregulierung durchaus Wirkung entfaltet, zeigt Binance selbst: Das Unternehmen musste 2023 in den USA wegen Verstößen gegen Geldwäsche- und Sanktionsvorschriften rund 4,3 Milliarden US-Dollar zahlen. Probleme mit der Cybersicherheit spielten dabei keine Rolle, obwohl das Unternehmen im Oktober 2022 570 Millionen $ bei einem Angriff verlor. Bis heute ist ungeklärt wer in diesem Fall der oder die Täter waren.
Nordkoreas Liebe für Kryptowährungen
Diese Unabhängigkeit aber macht Kryptobörsen zu einem bevorzugten Ziel Nordkoreas. Das Land sieht in Kryptowährungen eine Option dafür, dem Griff der internationalen Embargos zu entkommen. Je mehr Bitcoins und Co. eingesammelt werden können, desto leichter tut man sich mit der Stabilisierung der eigenen Wirtschaft.
Das Land hat seine Cyberarmee schon längst für die Devisenbeschaffung optimiert. Auch wenn es selbst mit nur wenigen IP-Adressen im Internet präsent ist, können seine Agenten auf die Infrastruktur befreundeter Staaten wie beispielsweise Russland zurückgreifen. Digitale Überfälle auf Kryptobörsen, wie dieser mit 6,3 Milliarden Dollar besonders hohe Raub, sind dabei keinesfalls ungewöhnlich. Binance Konkurrent Bybit verlor beispielsweise im Februar 2025 1,5 Milliarden $. Die Beschaffungsmaßnahmen der Nordkoreaner nehmen dabei nicht immer nur den wirtschaftlich Stärksten ins Visier. Man schreckt im angeblich sozialistischen Land (laut eigener Verfassung) auch nicht davor zurück kleine Anleger auszurauben.
Die Tricks Nordkoreas
Bereits im April 2025 beobachtete TrendAI, wie nordkoreanische Cyberkriminelle über russische Infrastruktur einen perfiden Angriff auf Blockchain-Entwickler durchführten. Die Technologie ist die Grundlage sämtlicher Kryptowährungen und -börsen. Menschen, die mit dieser Technologie vertraut sind, arbeiten in diesem Geschäft oder sind zumindest interessiert daran, mit den Währungen zu handeln. Um diese Zielgruppe zu erreichen, wurde über LinkedIn sowie anderen Jobvermittlungswebseiten Werbung geschaltet: Ein junges Startup in der Blockchain Community suche Entwickler. Eine entsprechende Webseite, sowie Kontaktadressen in den USA vermittelten einen legitimen Anschein.
Gerade für erfahrene Entwickler sind solche Angebote sehr verlockend. Bei einem erfolgreichen Startup können Unternehmensanteile sehr wertvoll sein. Als Entwickler hat man darüber hinaus oft viel Freiheit in der Gestaltung und dadurch großen Anteil am Produkt. Vor allem in einem Markt mit hoher Dynamik wie eben bei Blockchain. Bezeugte man ein erstes Interesse, kam eine Einladung zum Online-Vorstellungsgespräch.
Sprengstoff-Fischerei in der IT
Ein „Vorstellungsgespräch“ klingt zunächst nach hohem Aufwand, ist es aber nicht. Tatsächlich handelt es sich um einen in allen Teilen automatisierten Angriff. Was ihn so gefährlich macht, ist seine Flexibilität und geringe Kosten. Die Aufwände entstehen praktisch ausschließlich beim Registrieren der Webseite, auf Jobbörsen und LinkedIn. Hinzu kommt der Einkauf von Likes und Kommentaren für die jeweiligen Plattformen. Ein Task, den größtenteils ein KI-Agent durchführen kann. Das Vorstellungsgespräch läuft online über einen KI-Avatar.
Die beobachteten Angriffe waren nicht gezielt. Genommen wurden Bewerber mit und ohne aktuelle Anstellung. Sicher ist, dass man die Systeme von Blockchain-Entwicklern infizieren wollte, um an deren private „Wallets“ also deren Kryptogeldbörsen zu kommen. So wurde das FBI auf die von uns dargestellte Firma aufmerksam und konnte das Treiben unterbinden.
Schon der Diebstahl einer einzigen Crypto Wallet refinanzierte wahrscheinlich das Projekt. Gelang es dabei, ein Unternehmen zu infiltrieren, weil ein Bewerber für das Gespräch seinen Firmenlaptop verwendete, wurde das als „Beifang“ an eine andere Abteilung innerhalb des Syndikats – Pardon – der nordkoreanischen Cyberarmee weitergegeben.
Click-Fix Infiltration
Die Infektion selbst ist dabei ebenfalls ein spannender Teil der Kette und gehört zum Themengebiet „Click-Fix“. Das BSI beschreibt eine der Methoden. Grob gesagt, wird das Opfer dazu aufgefordert, einen bösartigen Befehl in eine Powershell Umgebung (o.ä.) abzugeben. Auch wenn sich das einfach durchschaubar anhört, dass Entwickler nachweislich darauf hereinfallen, sollte einem zu denken geben.
In dem von uns beobachteten Vorgehen lief das in etwa so ab: Das Opfer in dem oben beschriebenen Vorstellungsgespräch sollte sich als Entwickler beweisen. Der KI-Avatar forderte den Bewerber auf, eine kleine Programmieraufgabe zu lösen. Hierzu sollte man sich auf GitHub die entsprechenden Daten holen. Mit im Paket dabei, ein kleines unauffälliges Skript, dass im Hintergrund die Übernahme des Systems durchführte.
In anderen Fällen wurde die Unterbrechung der Konferenzverbindung simuliert. Das Opfer erhielt eine Fehlernachricht mit der Information, dass ein Treiber aktualisiert werden müsse. Die jeweilige Adresse für den „Treiber“ wurde als Powershell-Kommando gleich mitgeliefert und führte ebenfalls auf ein bösartiges Skript. Click Fix bedeutet: Das Opfer glaubt, einen Fehler im Programm zu haben. Der falsche Fix wird angeboten. Der Rest der Geschichte dient lediglich dazu, das Opfer so unter emotionalen Druck zu stellen, dass es das Problem schnell lösen möchte. Wird nach dem „Update des Treibers“ das unterbrochene Gespräch wieder aufgenommen, fällt diese Episode dem Opfer nicht weiter auf.
Infektion einer Kryptobörse – und nun?
Nach den neuesten Erkenntnissen wissen wir, dass auch im Falle von Binance ein gefälschtes Vorstellungsgespräch beteiligt war. Unklar ist, ob dabei ebenfalls ein KI-Avatar oder tatsächlich ein Mensch das Interview durchführte, doch angesichts der Summe ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser Angriff gezielt war und mit mehr personellem Einsatz durchgeführt wurde. Den offiziellen Meldungen zufolge wurde dadurch das System eines Mitarbeiters übernommen. Das auf dem System vorhandene KI-Werkzeug des Unternehmens wurde anschließend dafür missbraucht, sich innerhalb des Netzes weiter auszubreiten. So gelang der Zugriff auf Crypto-Wallets, die anschließend von den Tätern leergeräumt wurden.
Cyberakteur Nordkorea
Vieles deutet tatsächlich auf Nordkorea als verantwortlicher Täter hin, auch wenn (wie in solchen Fällen üblich) eine Beteiligung abgestritten wird. Das Land ist als Gegner äußerst unbequem. Es schreckt nicht vor dem Einsatz seiner Bürger zurück, die im Zweifel keine Wahl haben, als dem Verbrechensregime zu dienen. Damit sind für andere Kriminelle unprofitable Modelle wie beispielsweise der „nordkoreanische Mitarbeiter“ möglich. Aber auch alle Schemata, bei denen über Wochen und sogar Monate hinweg eine Vertrauensbasis mit einem späteren Opfer aufgebaut wird. So wie im Falle Binance, in dem immerhin mehrere Interaktionen stattfanden, bevor der Zugriff erfolgte. Was die Berichte übrigens nicht erwähnen, ist, ob nicht auch andere Mitarbeiter des Unternehmens bereits in Bewerbungsgesprächen waren (bzw. noch sind). Bei einem gezielten Angriff sollte man eine solche Möglichkeit immer berücksichtigen.
Derzeit hat das Land einen klaren Fokus auf Kryptowährungen, greift aber auch andere an. Unter dem Stichwort „Operation Dreamjob“ laufen Kampagnen wie die oben beschriebene bereits seit einigen Jahren. Übertragungswege sind dabei häufig unorthodox. Ein Link in Zoom oder Teams, fällt dabei genauso wenig auf, wie die Aufforderung, für einen Job in der Entwicklung seine Fähigkeiten zu demonstrieren. Hier verfängt auch das Training. Denn im Beispiel mit dem Jobangebot nimmt der Arbeitssuchende Kontakt mit den Kriminellen auf – nicht andersherum. Dadurch sinkt die Wachsamkeit. Wird man beispielsweise von extern aufgefordert einen Link anzuklicken, dann wirkt das bedrohlich. Hat man dagegen selbst darum gebeten, die Unterlagen herunterladen zu dürfen, eben nicht.
Rolle der Mitarbeiter
Der Vorfall bei Binance ist zwar ungewöhnlich, weil auf den ersten Blick sehr aufwändig, aber für den in der Situation befindlichen Mitarbeiter leider kaum zu erkennen. Als Unternehmen sollte man sich mit der Gefahr vertraut machen, dass durch den Einsatz von KI die eigenen Mitarbeitenden immer häufiger als Sicherheitsbarriere ausfallen. Im obigen Beispiel war es das Vorstellungsgespräch, vor dem man vielleicht noch warnen kann. Aber genauso gut könnte es ein Treffen mit einem Kunden oder etwas Ähnliches sein. Die Täter werden Wege in ein Netzwerk finden.
Nun beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Ob der Angreifer oder der Verteidiger schneller ist, entscheidet über die Höhe des Impakts den der Vorfall hat. Dabei ist es entscheidend, auch innerhalb des Netzwerks Zugänge zu wichtigen Informationen und Systemen genauestens zu überwachen. Im aktuellen Fall wurde ein internes KI-System zum „Insider“ und gegen das eigene Unternehmen eingesetzt. Damit stehen Fragen wie Berechtigungen und Zugänge für KI-Systeme im Vordergrund.
Mittel der Verteidiger
Die potenzielle Gefahr durch KI-Agenten ist längst schon Thema in der Cybersicherheit und nicht nur dort. Was KI-Systeme dürfen, ist auch Thema der KI-Gesetzgebung im europäischen AI Act. Nun gibt es einen ersten großen Fall, der das Potenzial derartiger Angriffe verdeutlicht. In der Verteidigung geht es darum, passende Schutzmaßnahmen aufzusetzen. Durch Zero Trust-Regelungen wird begrenzt, worauf und mit welchen Rechten KI-Agenten und Menschen Zugriff haben. Integritätsmaßnahmen, die das „normale“ Funktionieren eines Systems (hier KI-Agent) überwachen und Abweichungen melden, bieten zusätzliche Sicherheiten.
TrendAI verfügt über viel Erfahrung bezüglich des Vorgehens von Kriminellen in Netzwerken. Wir wissen beispielsweise, wonach sie suchen und wie sie sich verhalten. Wir können ein Netzwerk nach solchen Bausteinen scannen und in einer Risikoanalyse darstellen, wie ein potenzieller Täter vorgehen würde. Mit einer Erkennung der Angriffspfade (Attack Path Prediction) können wir vorhersagen, wie der kriminelle Weg aussehen könnte und welche Systeme es betrifft. Wir sehen dadurch auch potenzielle Lücken in der Verteidigung. Im „Cyber Risk & Exposure Management“ werden diese Wege beschrieben, in ihrer Gefährlichkeit bewertet und Gegenmaßnahmen vorgeschlagen. Das alles, bevor es zum Angriff kommt.
Ist es bereits zu spät, und der Angriff kommt beispielsweise durch eine neue Lücke – (KI findet derzeit täglich neue Sicherheitslücken), gibt es jetzt noch Vorgehensweisen, um beispielsweise bestehende Verbindungen über ein „Zero Trust Secure Access“-Gateway zu unterbinden, auch nach bereits erfolgter Freigabe. Dies funktioniert nicht nur für menschliche Akteure, sondern ebenfalls für KI-Agenten, die solche Zugänge nicht haben sollten. So können die Verbindungen zu kritischen Systemen auf Wunsch unterbunden werden, wenn eine erfolgte Infektion eines Teilnehmenden Systems nicht ausgeschlossen werden kann.
Fazit
Der Fall Binance ist aus vielerlei Hinsicht hochinteressant. KI unterstützt die Täter beim Eindringen und Verteilen innerhalb eines Netzwerkes massiv. Die Angriffsgeschwindigkeit erhöht sich dadurch deutlich. Einstmals optionale Technologien wie Cyber Risk und Exposure Management werden zur Pflichtübung, um das Netzwerk vor einem Angriff in Schuss zu halten (übrigens auch Vorschrift laut NIS2).
Aber auch die Reaktionsgeschwindigkeit der Verteidiger muss sich auf Maschinengeschwindigkeit erhöhen. Was wegfällt, ist die Ausrede des „Link-klickenden Mitarbeiters“ als Schuldigen. Wer Systeme so baut oder erlaubt, dass sie sich automatisiert Zugang zu Milliardenvermögen freischalten können, der braucht die Schuld nicht abzuschieben. Auch wenn es sicherlich nicht richtig ist, dass ein Mitarbeiter sein Bewerbungsgespräch auf dem Firmenlaptop durchführt, so ist die Chance sehr hoch, dass Ihr Unternehmen in den letzten fünf Jahren jemanden eingestellt hat, der genau das gemacht hat.
Würde es allerdings ausreichen, einem KI-Agenten einfach zu befehlen 6,3 Milliarden Dollar zu stehlen, dann sollten wir uns nicht darüber wundern, dass es passiert, sondern darüber, dass es nicht öfter passiert. Aber wer weiß, das ist ja „nur“ der erste große Fall dieser Art.