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Der kriminelle Handel mit Gesundheitsdaten
Gesundheitsdaten zählen nach wie vor zu den begehrtesten Gütern im kriminellen Untergrund. Beständigkeit, Sensitivität und die Möglichkeiten für den Weiterverkauf rechtfertigen einen hohen Preis. Überlegungen zum damit verbundenen Risiko.
In Deutschland ist die elektronische Patientenakte (ePA) ein Politikum. Sie verbessert die Forschung sagen die einen, „… aber der Datenschutz …“ die anderen. In der Cyberkriminalität spielt beides eine Rolle. Mit unserer neuen Studie zum Thema wollen wir nicht die ePA oder vergleichbare Lösungen diskutieren. TrendAI analysierte den Handel mit Gesundheitsdaten im Cyber-Untergrund und warnt: Deutschland zählt zu den Ländern mit den meisten öffentlich erreichbaren Medizinsystemen. Aber wir können ein bisschen Kontext zum tatsächlichen Risiko liefern.
Der Wert der Daten
Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) fasst es in seiner Beschreibung der ePA treffend zusammen: „Die Gesundheitsdaten in der ePA für alle haben ein enormes Potenzial für die Verbesserung der Versorgung. Deshalb können die Daten darin für Zwecke, die im Interesse der Gesellschaft sind (öffentliches Interesse), genutzt werden.“
Die Beschreibung zeigt den Rahmen auf, in dem Cyberkriminelle medizinische Daten unabhängig von der ePA betrachten: Es gibt enormes Potenzial, und die Zugänge dazu sind eingeschränkt. Es sollte also niemanden wundern, dass Kriminelle hinter derartigen Daten her sind. Die ePA in Deutschland spielt dabei nur eine kleine Rolle. Tatsächlich greifen Kriminelle bevorzugt immer da an, wo mangels Cyberabwehr die Beute leicht zugänglich ist. Und das ist unabhängig davon, ob Daten zentral verwaltet oder verteilt in Kliniken und Praxen liegen. Unsere Forscher konzentrierten sich dabei nicht auf die Opfer, sondern auf Angebote im digitalen Untergrund. Die Forschungsergebnisse illustrieren eine ausgereifte Untergrund-Economy, in der gestohlene Gesundheitsdaten heute gehandelt werden. Ransomware-Gruppen, Access Broker, Fraud-Marktplätze und Credential-Händler sind gleichermaßen daran beteiligt.
Erpressung und/oder Verkauf
Datenverkäufe aus Ransomware-Vorfällen machten dabei mehr als ein Drittel (36,3 Prozent) der gesamten Marktplatzaktivität aus. In diesem Kontext ist die „double Extortion“-Methode derzeit Standard. Die Zielsysteme werden verschlüsselt und die Opfer sowohl mit dem Zugang zu den Daten als auch mit Androhung der Veröffentlichung der gestohlenen Daten erpresst. Da man die Einzahlungen der Ransomware-Gangs anhand der von ihnen öffentlich bekannt gegebenen Wallets prüfen kann, wissen wir, dass sie zum Teil große Summen erhalten. Aber wir können nicht sicher sagen wofür. Es erscheint widersprüchlich, für „gestohlene“ Daten zu zahlen, denn weder sind die Daten weg, noch kann sie jemand zurückgeben. Man zahlt also bestenfalls dafür, dass sie nicht veröffentlicht werden.
Aber ist das eine gute Strategie? Tatsächlich gibt es nur sehr wenige belegte Fälle, in denen Unternehmen zugaben, den Erpressern Geld gegeben zu haben, um eine Veröffentlichung der Daten zu verhindern. Im Februar 2024 zahlte der US-Gesundheits-Provider „Change Healthcare“ nach eigener Aussage etwa 22 Millionen US$ unter anderem auch für die Garantie, dass die Daten nicht veröffentlicht würden. Zum Verhängnis wurde dem Opfer, dass sich die Täter zerstritten. Nach der Zahlung löste sich eine der Gruppen auf, die andere erpresste weiter. Sie fühlte sich von der ersten Tätergruppe um ihren Anteil betrogen.
Aber auch ohne diesen offensichtlichen Fauxpas sollte ein Unternehmen immer davon ausgehen, dass seine gestohlenen Daten weiterverwendet werden, auch wenn das „als Kundenservice“ nicht mehr offiziell mit dem Namen des Opfers verbunden ist.
Gerade medizinische Daten erzielen dabei hohe Werte. Unseren Untersuchungen zufolge wird ein vollständiger Datensatz (fullz) inklusive Medikation für 25 Dollar gehandelt. Da es meist um ganze Datenbanken geht, überrascht es nicht, dass etwa für eine solche mit italienischen Patientendaten im Untergrund die hohe Summe von 150.000$ angeboten wurde.
Die Verkäufer
Derartige Summen werfen Fragen auf. Daten können heute durch KI täuschend echt generiert werden. Einem Kriminellen 150.000 Dollar zu zahlen und dafür „KI-Slop“ (Müll) zu erhalten ist ein hohes Risiko für einen Käufer. Zumal die Zahlungen in der Regel über Kryptowährungen wie Monero erfolgen, also hochgradig anonymisiert sind.
Wie soll die Echtheit der Daten und damit ihr Wert geprüft werden? Auch hier beobachten wir interessante Entwicklungen. Zum einen haben die durch Ransomware-Gruppen gestohlenen medizinischen Daten einen Untergrund-Marktanteil von 36,3% - und sind damit der „Marktführer“. Die Natur der Daten bringt es mit sich, dass darüber viel berichtet wird, vor allem, wenn die Opfer tatsächlich zur Gesundheitsbranche zählen. Laut unseren Untersuchungen „stammen 68,5% aller auf kriminellen Leak-Seiten veröffentlichten Gesundheitsdaten von nur zwei Tätergruppen". Die Ransomware as a Service Gruppe „Rhysida“ und die eher spezialisierte Organisation „Interlock“.
Die Technik der beiden Gruppen weist dabei bemerkenswerte Ähnlichkeiten auf, weshalb eine gemeinsame Herkunft oder Abspaltung nicht ausgeschlossen ist. Eine Attribution – die Zuordnung der Angreifer zu einem speziellen Land – fällt für diese Täter erstaunlich schwer. Speziell Rhysida zeigt dabei allerdings das für russische Gruppen typische Vorgehen: keine Angriffe innerhalb der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) durchzuführen. Daher liegt es nahe, sie dort einzuordnen. Für die Frage der Vertrauenswürdigkeit ist das sehr interessant. Vertrauen ist im digitalen Untergrund eine echte Währung. Ob und wieso es eine Rolle spielen sollte, dass hier wenige Gruppen den Markt beherrschen, hängt von den Käufern ab.
Die Käufer
Unsere Studie zeigt nur das Angebot — über die Nachfrage können wir nur mutmaßen. Meine Einschätzung dazu ist: Wir wissen, dass Menschen persönlich mit ihren Gesundheitsdaten erpresst werden. Mit medizinischen Daten kann auch eine Identität gestohlen werden, (wie das im Film „Das Netz“ von 1995 mit Sandra Bullock vorhergesagt wurde). Das erklärt auch den hohen Preis für einzelne Datensätze. Es erklärt allerdings nicht die bereits erwähnte Datenbank für 150.000 Dollar.
Derartige Angebote lassen noch einen weiteren Schluss zu. Dazu äußert sich das BMG, und nennt als erstes Beispiel für das „öffentliche Interesse“, für das diese Daten eingesammelt werden, die „Forschung“. Die Verbesserung von Medikamenten und Behandlungen ist dabei ohne Zweifel im öffentlichen Interesse, aber es ist auch ein Milliardengeschäft. Die Hoffnung der Pharmaindustrie beruht dabei darauf, dass KI in der Lage ist, viele Prozesse und Aufwände zu verringern. Und sie ist auch in der Lage, Zusammenhänge aus riesigen Datenmengen zu erkennen.
Das ist einer der wichtigen Gründe für die Zusammenfassung der Daten in der ePA. Natürlich gibt es legitime Anfragen aus der Industrie, um sie zu nutzen. Diese sind an hohe Auflagen und ebensolche Kosten gebunden. Und gerade weil diese Daten sehr sensibel sind, kann nicht einfach jedes Unternehmen der Welt Zugang dazu beantragen. Es ist also naheliegend, dass der digitale Untergrund eine sehr viel günstigere Alternative für den Zugang zu medizinischen Daten bietet. Auch wenn die genannten Summen groß erscheinen, sind vergleichbare legitime Preise oft deutlich höher.
Herkunft und Legitimität genutzter Daten
In der EU schreibt der KI-Act vor, in welchem Rahmen Unternehmen Daten nutzen dürfen. Wichtig dabei ist auch, dass die Legitimität nachweisbar sein muss. Ein Einkauf im digitalen Untergrund dürfte nicht darunterfallen. Das Problem ist, dass die Herkunft nicht aus dem trainierten KI-Modell selbst herausgelesen werden kann. Das ist besonders dann relevant, wenn das Modell gar nicht von EU-Unternehmen trainiert wurde.
Darüber hinaus gibt es Länder, die die europäische Idee des Datenschutzes nicht teilen und auch sonst nicht davor zurückschrecken, sich mit Industriespionage einen Vorteil zu verschaffen. Nun hat man also mit der Ransomware-Gruppe Rhysida einen (sehr wahrscheinlich) russischen „Anbieter“, der derartige Daten en gros verkauft. Die Gruppe kann typischerweise so lange unbehelligt arbeiten, wie sie keinen Schaden in Russland oder bei seinen Verbündeten erzeugt.
So paradox es klingen mag, das bedeutet, dass es für medizinische Forschungseinrichtungen in Russland nahezu gefahrlos möglich ist, diesem „Anbieter“ zu vertrauen. Sollten sie gefälschte Daten einem russischen Unternehmen anbieten, riskieren sie nicht nur einen geplatzten Deal, sondern auch ihre Existenz. Das heißt, wenn es sich bei den Tätern überhaupt um Kriminelle im herkömmlichen Sinn des Wortes handelt. Diese Überlegung zur Pharmaindustrie als möglichen Käufer ist eine Schlussfolgerung aus der Marktlogik — kein Befund unserer Studie.
Fazit
Natürlich dient die politische Diskussion zur ePA nur als Aufhänger, denn der Diebstahl medizinischer Daten passiert weltweit.
Aus der Art der Angebote lässt sich darauf schließen, dass einige sehr zahlungskräftige „Kunden“ existieren. Ob Forschungseinrichtungen in Ländern wie Russland oder China tatsächlich gestohlene medizinische Daten einsetzen, wird man möglicherweise nie erfahren. Allerdings haben nicht nur diese beiden Länder eine bemerkenswerte Historie im Bereich der digitalen Wirtschaftsspionage, und die Entwicklung lebenswichtiger Heilmethoden dürfte viele ethische Bedenken beruhigen.
Für Einrichtungen des Gesundheitswesens sind dies schlechte Neuigkeiten. Wenn ihre Daten hohe Preise erzielen, zieht dass die Kriminalität an. Die Verschlüsselung der Opfersysteme und die dadurch erfolgenden Ausfälle sind möglicherweise nur Vehikel, um potenzielle Käufer von der Echtheit der Daten zu überzeugen. Diese werden damit zum Schmieröl, dass die Maschinerie der Ransomware-Angriffe am Laufen hält, während die Zahlungen von Lösegeld eine Art Bonus darstellen. Auch diese Überlegung geht über unsere Studiendaten hinaus — sie ist eine Interpretation der beobachteten Marktdynamik, keine belegte Schlussfolgerung.
Moderne Verteidigungsmaßnahmen müssen davon ausgehen, dass sie es nicht nur mit allgemeiner Kriminalität, sondern hoch spezialisierten Angreifern zu tun haben. Umso wichtiger ist es, den Überblick über die eigene Risikosituation zu erhalten und in der Lage zu sein, Gegen- und Notfallmaßnahmen umzusetzen. Das ist nicht nur ein Gebot der Stunde, sondern mit NIS 2 auch gesetzliche Vorschrift für Einrichtungen in der Gesundheitsbranche. Hier unterstützt TrendAI™ seine Kunden mit unserer Plattformstrategie TrendAI Vision One™.